Migration kann positiv wirken, wenn Politik für geeignete Rahmenbedingungen sorgt.
Roland Heynkes 18.12.2025, CC BY-SA-4.0 DE
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Eigentlich wollte ich nur schnell notieren und sortieren, was mir anlässlich einer spontan angenommenen LifTeachUs-Anfrage binnen weniger Stunden zum Thema Migration einfiel, über das ich selbstverständlich schon oft nachgedacht hatte. Aber Stück für Stück näherte sich die Komplexität meiner Erörterung immer mehr der Komplexität dieses Themas an und geriet etwas außer Kontrolle. Der Text bekam eine Eigendynamik und musste immer wieder erweitert und umgestellt werden. Inzwischen ist er zu lang für einen Vortrag und vielleicht wird er auch nie fertig. Aber immerhin hat mir die Arbeit daran klar gemacht, warum über das Thema Migration so erbittert gestritten wird. Es gibt wohl einfach zu viele Aspekte, um sie alle gleichzeitig zu berücksichtigen und gegeneinander abzuwägen. Außerdem definieren sich verschiedene Gruppen über ihre Haltung zur Migration und tolerieren nur die eigene Haltung unterstützende Argumente.

Jede kleine Insel versinkt irgendwann im Ozean. Und mit ihr verschwinden auch alle endemischen Spezies, die nur auf ihr lebten. Der Klimawandel treibt kälteliebende Spezies immer weiter die Berge hinauf, bis es nicht weiter geht und sie aussterben. Verschont bleiben nur die Spezies, die migrieren können. Spezies mit zu kleinen Verbreitungsgebieten können auch ausgelöscht werden, wenn es zu lokalen Katastrophen wie dem Ausbruch eines Supervulkans, dem Einschlag eines Asteroiden oder der Vernichtung eines Ökosystems durch Holzfäller und Landwirtschaft kommt. Migration vergrößert das Verbreitungsgebiet einer Spezies und reduziert schon dadurch das Aussterbe-Risiko. Und es gibt Hinweise auf katastrophale Vulkanausbrüche, die Teile der damaligen Menschheit an den Rand des Aussterbens brachten. Das Aussterben des Homo floresiensis auf der indonesischen Insel Flores wurde sehr wahrscheinlich durch eine anhaltende Dürre verursacht [BACC].

Migration ist seit Millionen Jahren eine der wesentlichen Eigenschaften, die unsere Spezies von den anderen Menschenaffen unterscheidet. Schon der Homo erectus breitete sich in ganz Afrika aus und einzelne Gruppen wanderten als Jäger und Sammler durch Teile von Asien und Europa. Während Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang Utans nur in Wäldern leben, mussten sich Menschen an viele sehr unterschiedliche Ökosysteme anpassen. Dadurch entwickelten sich die in verschiedenen Regionen lebenden Menschen noch stärker auseinander als beispielsweise Berggorillas und Flachlandgorillas. Denn in unterschiedlichen Umwelten sind verschiedene Allele (Varianten) eines Gens von Vorteil. Deshalb unterscheiden sich Eisbären relativ stark von Braunbären, obwohl sie immer noch fortpflanzungsfähige Nachkommen miteinander haben können und demnach nicht verschiedene Spezies, sondern nur unterschiedliche Subspezies sind. Subspezies ist ein von Wissenschaftlern bei Wildtieren angewandter Fachbegriff für Rasse.
Die über lange Zeit überwiegend getrennte Entwicklung in unterschiedlichen Ökosystemen und die gelegentliche Entstehung von Mischlingen hat die genetische Vielfalt der gemeinsamen Spezies Bär enorm gesteigert. Das ist ein großer evolutionärer Vorteil gegenüber einer Spezies, die nur in einem Ökosystem oder gar auf einer kleinen Insel vorkommt. Denn eine genetisch einheitliche Spezies kann relativ leicht durch eine Seuche oder durch plötzlich stark veränderte Umweltbedingungen ausgelöscht werden. Deshalb gelten heute Spezies mit sehr geringer genetischer Vielfalt wie Geparde oder Nashörner als vom Aussterben bedroht, obwohl es noch relativ viele von ihnen gibt. Auch von der heutigen Menschheit wird immer wieder behauptet, unsere genetische Vielfalt sei gering. Aber das Gegenteil ist richtig.

Durch Migration entfernten sich einige Menschengruppen anfangs so weit von einander, dass sie den Kontakt zueinander verloren und sich über viele Tausend Jahre getrennt voneinander zu verschiedenen Menschen-Rassen entwickelten. Vor einigen Hunderttausend Jahren entstanden so die früher irrtümlich als unterschiedliche Menschen-Spezies betrachteten Rassen Neandertaler, Denisova-Mensch, Homo sapiens und Homo floresiensis. Genetische Studien sprechen dafür, dass es noch weitere Menschen-Rassen gab, von denen aber noch keine Knochen gefunden wurden.
Genetische Analysen zeigten, dass der Anteil heterozygoter Gene bei Neandertalern und Denisova-Menschen deutlich geringer war als bei heutigen Menschen [BABY]. Das bedeutet, dass bei diesen ausgestorben Menschen-Rassen die genetische Vielfalt wesentlich geringer war als in der heutigen Menschheit. Möglicherweise hat das auch zu ihrem Aussterben beigetragen.

Mit der Zeit dehnten sich die Verbreitungsgebiete dieser recht unterschiedlichen Menschen-Rassen aus und an den Grenzen ihrer Territorien trafen Neandertaler auf Denisova-Menschen, Neandertaler auf den Homo sapiens und Homo sapiens auf Denisova-Menschen. Manchmal hatten sie interrassischen Sex miteinander und es entstanden Mischlinge. Manche dieser Mischlinge erbten günstige Kombinationen der Eigenschaften ihrer Eltern wie beispielsweise die Fruchtbarkeit des Homo sapiens und das an Europa angepasste Immunsystem des Neandertalers. Und Tibeter sind in der Sauerstoff-armen Luft hoher Berge deshalb soviel stärker als andere Menschen, weil auch Denisova-Menschen zu ihren Vorfahren gehören. Aber auch die weniger günstigen Mischungen der Erbanlagen zweier Menschen-Rassen waren biologisch wertvoll, weil sie die genetische Vielfalt der Menschheit insbesondere in den Gebieten erhöhten, in denen zwei oder mehr Menschen-Rassen sich mischten. Mit Ausnahme der meisten Afrikaner stammen heute bei allen Menschen einige wenige Prozent ihrer Gene von Neandertalern ab. Aber es sind bei Jedem andere Neandertaler-Gene. Auch die Existenz dieser unterschiedlichen Mischungen trägt zur in Wirklichkeit großen genetischen Vielfalt der Menschheit bei.

Migration kann auch deshalb die genetische Vielfalt einer Spezies fördern, weil normalerweise nur kleine Gruppen auswandern oder wie bei den Wanderwölfen einzelne Individuen aus weit entfernten Populationen neue kleine und isolierte Rudel bilden. Denn je kleiner eine isolierte Subpopulation ist, desto leichter können sich in ihr neue Mutationen etablieren.
Aber dass sich neue Mutationen in kleinen Subpopulationen leichter durchsetzen, ist zwar gut für die genetische Vielfalt einer Spezies, jedoch riskant für die Subpopulation. Denn es passieren viel mehr schädliche als nützliche Mutationen. Dadurch breiten sich in kleinen Populationen durch Inzucht Erbkrankheiten aus. Wenn die Eltern eines Menschen zu nah miteinander verwandt sind, dann hat dieser Mensch ein erhöhtes Risiko, von beiden Eltern die selben Erbkrankheiten und Schwächen geerbt zu haben. Die können tödlich wie das Tay-Sachs-Syndrom und Morbus Gaucher sein, wenn Kinder von beiden Eltern das selbe krank machende Allel erben. Glücklicherweise lässt sich das heute durch Gentests verhindern. Man kennt das Problem von kleinen Religionsgemeinschaften oder dem früheren Adel, deren Mitglieder über Generationen nur unter sich heirateten. Am Ende waren viele Königshäuser zu eng miteinander verwandt und litten unter verschiedenen Erbkrankheiten wie Porphyria variegata und Bluterkrankheit, wahrscheinlich auch Gicht und Wassersucht. Wegen des Inzucht-Problems sind in fast allen menschlichen Gesellschaften Geschwister-Ehen und Sex zwischen Eltern und ihren Kindern tabu. Bei vielen Naturvölkern war und ist es üblich, dass Frauen von einer Gruppe in eine möglichst wenig verwandte Gruppe wechseln, damit sie gesunde Kinder bekommen. Heute haben viele Kinder Eltern aus verschiedenen Kontinenten, sodass ihre Genome (Baupläne) einzigartige Mischungen darstellen und die so wichtige genetische Vielfalt der Menschheit immer weiter steigern.

Die Mischlinge zwischen Homo sapiens, Neandertaler und Denisova-Menschen waren evolutionär so erfolgreich, dass heute außerhalb Afrikas nur noch Nachkommen dieser Mischlinge leben. Eine von nationalsozialistischen Rasse-Hygienikern erträumte reine Rasse hat es in Europa seit dem Aussterben der Neandertaler nie gegeben. In Afrika ist die genetische Forschung noch nicht so weit, aber erste Ergebnisse zeigen, dass es auch in Afrika verschiedene Menschen-Rassen gab, die sich zum Homo sapiens vermischten. Insgesamt ist die genetische Vielfalt in Afrika heute sogar größer als auf allen anderen Kontinenten. Diese Beispiele zeigen, dass Migration in die Isolation aufgrund des Inzucht-Problems biologisch riskant ist, während Migration dann biologisch nützlich ist, wenn sie die genetische Durchmischung einer Gesellschaft vergrößert. Und weil die genetische Vielfalt in schwierigen Zeiten das Überleben der Menschheit sicherte und sichern wird, ist der rassistische Traum von der Erhaltung einer reinen Rasse eine wirklich dumme Idee.
Allerdings ist diese rein biologische Betrachtung des Phänomens Migration nicht die einzig relevante. Während Migration wahrscheinlich auch die frühe kulturelle Evolution der Menschheit durch Weitergabe von Wissen förderte, gibt es viele historische Beispiele für freiwillige oder erzwungene Migrationen mit fatalen Folgen für Migranten, Einheimische oder ganze Zivilisationen wie die Migrationen der sogenannten Seevölker am Ende der Bronzezeit sowie von Hunnen und Germanen in der Spätantike. Auch die mittelalterlichen Kreuzzüge waren Migrationen und für gar nichts gut. Heute muss man keine gesellschaftlichen Nachteile der Migration mehr in Kauf nehmen, um die längst mehr als ausreichende genetische Vielfalt weiter zu steigern.

In der Vergangenheit gab es mehrfach Völkerwanderungen, bei denen die Einwanderer die bis dahin dort lebenden Menschen einfach nahezu vollständig verdrängten und deren Kultur auslöschten, weil sie die Ureinwohner für Mitglieder einer minderwertigen Rasse oder Anhänger einer „falschen“ Religion hielten oder deren Lebensweise als vermeintlich primitiv verachteten. Oft wollten die Migranten auch einfach nur das Land der Einheimischen für sic. So wurden beispielsweise vor etwa sieben Tausend Jahren die europäischen Jäger und Sammler durch die von Südosten einwandernden Bauern nahezu vollständig verdrängt.
| Die Verdrängung der europäischen Jäger und Sammler durch anatolische Bauern |
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| Martin Sikora et al., CC BY 2.5 |
Tausende Jahre später war die Migration der neuen Europäer nach Afrika, Amerika und Australien für deren Ureinwohner und deren Zivilisationen ähnlich katastrophal. Es gab zwar auch in diesen Fällen Mischehen mit großartigen Kindern, aber die wurden von den hellhäutigen Nachkommen der Einwanderer meistens rassistisch ausgegrenzt.

Heute von jedem anständigen Menschen abgelehnt wird jede Form erzwungener Migration. Beispiele dafür sind die bis heute stattfindende Sklaverei, Vertreibungen während oder nach Kriegen oder Bürgerkriegen sowie die Verschleppung von Kindern, Frauen oder Kriegsgefangenen. Besonders grausam waren Todesmärsche wie die der Armenier oder der Gefangenen der Nazis sowie die millionenfachen Transporte in Vernichtungslager der Nazis. Konzentrationslager für deportierte Menschen oder unterdrückte Einheimische gibt es in verschiedenen Ländern immer noch.
Ähnlich schändlich sind durch falsche Versprechungen ausgelöste Migrationen. So geraten Frauen in die Zwangsprostition, indem sie aufgrund vorgetäuschter Jobangebote in andere Länder migrieren. In andere Länder gelockte Arbeiter werden beispielsweise in der Landwirtschaft ausgebeutet und erhalten statt Löhnen lediglich Essen und eine Massenunterkunft. Putin lockt arme oder unterbezahlte Männer mit der Aussicht auf gut bezahlte Jobs in der russischen Armee nach Russland und schickt sie dann als Kanonenfutter an die Front.

Schon aufgrund großer Zahlen problematisch ist Migration, wenn ganze Bevölkerungsgruppen vertrieben werden oder wenn Menschen massenhaft vor Krieg, Umweltkatastrophen, Armut oder Perspektivlosigkeit innerhalb ihrer eigenen Länder oder in andere Länder fliehen. Denn dann können sie weder ausreichend versorgt, noch integriert werden, weil so viele Flüchtlinge die Infrastruktur und die finanziellen Mittel der aufnehmenden Bevölkerung überfordern. Oft werden dann schon vorher vorhandene Probleme wie Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, ineffektive Verwaltungen, ein unflexibles Schulsystem, Verschuldung oder eine unfähige Regierung auch für die Einheimischen unerträglich. Das spaltet Gesellschaften, radikalisiert Parteien und wird deshalb auch von feindlichen Regierungen wie der russischen als Teil hybrider Kriegsführung zur Destabilisierung anderer Staaten benutzt, indem man Migrationsströme verursacht und in bestimmte Länder lenkt.
Noch größer sind diese Probleme für die Flüchtlinge selber, denn sie haben zusätzlich viel verloren und Schreckliches erlebt, wurden heimatlos und oft traumatisiert. In Notaufnahme-Einrichtungen haben sie keine Privatsphäre und auch Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Verständigungsprobleme sowie unerträgliche Wartezeiten aufgrund überforderter Verwaltungen verursachen Stress. Und wenn andere Flüchtlinge durch Kriminalität auffällig werden, verursacht das Angst vor der Reaktion der Einheimischen. Aber diese frustrierende Gesamtsituation der Flüchtlinge fördert bei manchen von ihnen auch Gewaltausbrüche.
Zumindst in Deutschland ließen sich allerdings diese Probleme durch mehr Pragmatismus und Flexibilität wesentlich reduzieren. Zum Beispiel war es überheblich und dumm von unserer Kultusministerkonferenz, dass Angebot des ukrainischen Schulministeriums abzulehnen, ukrainische Schüler für den Fachunterricht die allukrainische Online-Schule nutzen zu lassen. Stattdessen mussten ukrainische Schüler ihre Zeit in deutschsprachigem Fachunterricht verschwenden, dem sie nicht folgen und wo die Lehrkräfte ihnen nicht helfen konnten.
Ähnlich wie für die in Deutschland mit ihren Familien stationierten amerikanischen und britischen Soldaten hätte man auch für Flüchtlinge gleicher Herkunft eigene Siedlungen bauen bzw. von Handwerkern unter ihnen bauen lassen können. Darin könnten zum Beispiel ukrainische Kinder von ukrainischen Erzieherinnen betreut oder von ukrainischen Lehrerinnen unterrichtet werden. Ukrainische Patienten könnten von ukrainischen Ärztinnen ohne die sonst üblichen Verständigungsprobleme behandelt werden. In solchen Siedlungen könnten die Landsleute sich weitgehend selbst organisieren und verwalten. Viele könnten weiter ihren Berufen nachgehen und die Kinder würden nicht ihrer Heimat entfremdet. Aber arrogante deutsche Bürokraten anerkennen ausländische Abschlüsse und Berufserfahrung erst nach zeitraubender Überprüfung und angeblich nötiger Nachschulung, sodass dringend benötigte ausländische Lehrkräfte und Ärzte nicht nach Ausbruch eines Krieges oder Bürgerkrieges rechtzeitig eingesetzt werden können.
Aber auch die pragmatischste und flexibelste Gesellschaft kann nicht beliebig viele Migranten aufnehmen, ohne selbst daran zu scheitern. Bei aller Hilfsbereitschaft muss eine aufnehmende Gesellschaft auch die eigene Überforderung verhindern. Man kann Grenzen schützen und Menschen statt Sozialhilfe Jobs anbieten. Und weil keine Gesellschaft beliebig viele Flüchtlinge aufnehmen kann, sollte man sich auf die Gruppen konzentrieren, die am dringensten Schutz brauchen und am wenigsten Probleme bereiten. Anstatt beispielsweise unsere Verwaltungen mit der aufwändigen Ermittlung der Identitäten von Asylbewerbern ohne Ausweise zu überfordern, könnte man alle Leistungen auf die Flüchtlinge beschränken, die ihre Ausweise nicht verloren bzw. weggeworfen haben. Dann ginge für die kooperativen Flüchtlinge alles schneller.

Es ist verständlich, dass viele Menschen in wohlhabendere oder wenigstens noch einigermaßen funktionierende Gesellschaften auswandern wollen, weil sie in ihren Herkunftländern für sich und ihre Kinder keine Zukunft sehen. Wahrscheinlich unterschätzt man auch zu leicht, wie sehr es Einen behindert und dem eigenen Ansehen schadet, wenn man nicht mehr in seiner eigenen Sprache Denken und kommunizieren kann. Dennoch kann Arbeitsmigration für alle ein Gewinn sein, wenn die eine Gesellschaft unter Arbeitskräftemangel leidet und die andere unter Arbeitslosigkeit. Oft verliert allerdings eine ärmere Gesellschaft dringend benötigte Ärzte, Wissenschaftler oder andere Fachkräfte, deren Ausbildung sie teilweise bezahlt hat. Die andere Gesellschaft muss nur etwas höhere Löhne zahlen und sorgt selten für einen gerechten Ausgleich.
Früher hat man es als Teil der Bildung betrachtet und es war sogar eine Bedingung für die Zulassung zur Meisterprüfung, dass viele Handwerksgesellen während einer Walz genannten jahrelangen Gesellenwanderung in fremden Ländern arbeiteten und wichtige Erfahrungen sammelten. Noch heute ist es üblich, dass Wissenschaftler nach ihrer Doktorarbeit einige Jahre als sogenannte Postdocs im Ausland arbeiten. Das waren bzw. sind positive Beispiele für Arbeitsmigration, aber das waren nie massenhafte Migrationen.
Für Unternehmen ist Arbeitsmigration fast immer ein Gewinn, denn sie können dadurch mehr produzieren, ihre einheimischen Arbeitnehmer unter Druck setzen, und um die Integration der Arbeitsmigranten kümmert sich der Staat. Arbeitnehmer können durch ihre Arbeitsmigration Geld und Erfahrung gewinnen, falls sie nicht schamlos ausgebeutet werden. Vor allem hochqualifizierte Arbeitnehmer profitieren, wenn sie einige Jahre gut bezahlt im Ausland arbeiten. Aber Zwangsprostitution ist auch eine Art Arbeitsmigration und nicht die einzige moderne Sklaverei. Menschenhandel und Arbeitsausbeutung sind in Deutschland und weltweit schon lange eine unerträgliche Form von Migration. Wenn Regierungen nicht für Fairness sorgen, ist Arbeitsmigration leider oft eine Migration aus der Armut im eigenen Land in Armut und Entwurzelung in einem fremden Land. Und während klassische Einwanderungsländer nur minimale Sozialsysteme bieten, werden unsere Sozialsysteme unter anderem durch organisierte Kriminalität im großen Stil ausgenutzt. Übrigens wirken unsere auch deshalb extrem hohen Lohnnebenkosten abschreckend auf hochqualifizierte Fachkräfte, die natürlich lieber in Ländern arbeiten, in denen ihnen der Staat nicht so viel vom Lohn abzieht. Arbeitsmigration kann auch problematisch sein, wenn zu große kulturelle Unterschiede die Integration verhindern.

Vor allem Armutsmigration kann nicht funktionieren, wenn ein zu großer Teile der Migranten für die im aufnehmenden Land verfügbaren Arbeitsplätze massiv unterqualifiziert sind. Denn dann migrieren sie in dessen nicht unbegrenzt belastbaren Sozialsysteme. In ihrer Gesamtheit belasten Armutsmigranten die Sozialsysteme und die politische Stabilität von Gesellschaften, die es nicht schaffen, die Zuwanderung zu regulieren, die Potentiale integrierbarer Zuwanderer zu nutzen und eine Zunahme der Kriminalität durch gelungene Integration und Missbrauch-resistente Sozialsysteme zu verhindern.
In vielen Gesellschaften werden junge Menschen so sozialisiert und von ihren Eltern auch noch nach deren Migration so erzogen, dass sie Homosexuelle, Andersgläubige und besonders Ungläubige hassen und/oder Frauen nicht als gleichberechtigt betrachten. Das war früher auch in Deutschland so, aber heute sind fast alle Deutschen froh darüber, dass wir uns in dieser Hinsicht weiter entwickelt haben.
Es gibt auch Migranten, die Naturwissenschaften oder säkulare Gesellschaften ablehnen. Solche Migranten passen nicht in moderne Gesellschaften, für deren Wohlstand Naturwissenschaften entscheidend sind und in denen sich Frauen, Homosexuelle und nicht religiöse Menschen ihre Anerkennung als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger über Jahrzehnte mühsam erkämpft haben. Denn der Hass macht manche dieser Migranten gefährlich für Einheimische, die ihrerseits ihre gesellschaftlichen Errungenschaften nicht durch Migranten gefährdet sehen wollen und deshalb Migration oft sogar generell ablehnen, solange ihre Regierung nicht vernünftig damit umgehen kann oder will.
Zum Hass auf Andersdenkende erzogene Migranten sind auch gefährlich für die Migranten, die aus intoleranten Gesellschaften geflohen sind, um endlich frei zu sein. Es gibt sogar Agenten autoritärer Regime, die Regime-Kritiker in deren Fluchtländern verfolgen. Für solche Regime-Kritiker wurde eigentlich das Asylrecht geschaffen. Es ist ein menschenfreundliches Geschenk vieler Gesellschaften für Menschen, die in anderen Ländern aufgrund ihrer Religion oder politischer Aktivität bedroht werden. Das betrifft üblicherweise relativ wenige Menschen, deren Integration selten problematisch ist. Manchmal haben aber auch solche Menschen problematische psychische Probleme, um die man sich kümmern muss.
Aber das wesentliche Problem useres Asylrechts ist dessen Einladung zum massenhaften Missbrauch und die damit verbundene Überforderung von Verwaltungen und Gerichten. Dadurch können Migranten die eigentlich sofort klare Ablehnung jahrelang hinauszögern, bis sie nicht mehr durchgeführt werden kann, weil beispielsweise inzwischen Kinder hier geboren wurden, Haftstrafen abgesessen werden sollen, Abzuschiebende untertauchen oder die endlich ermittelten Herkunftsländer die Rücknahme verweigern.

Kein Mensch kann ohne andere Menschen überleben. Und unsere wissenschaftlichen, technischen und medizinischen Errungenschaften waren nur möglich, weil sehr viele Menschen ihre jeweiligen Fähigkeiten für gemeinsame Ziele einsetzten, obwohl sie nicht nah miteinander verwandt waren und sich nicht persönlich kannten. Möglich ist das nur, wenn man sich grundsätzlich vertraut und respektiert und bei allem Streit über die besten Methoden doch davon ausgehen kann, dass es alle gut meinen und miteinander solidarisch sind. Je weniger das der Fall ist, desto mehr Menschen denken nur noch an den eigenen Vorteil, versuchen eigene Beiträge für die Gesellschaft zu vermeiden und wären im Falle eines Angriffs von Außen nicht bereit, für den Erhalt ihres Staates zu kämpfen. Wenn die in einem Land lebenden Menschen nicht stolz auf ihre Gesellschaft sind und sich nicht als ein Staatsvolk fühlen, dann zerfällt die Gesellschaft in sich mehr oder weniger bekämpfende Gruppen wie einzelne Bundesländer oder Parteien, Nationalisten gegen Internationalisten, Kapitalisten gegen Antikapitalisten, Alt gegen Jung, Reich gegen Arm, Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber, Handwerker gegen Akademiker und Religiöse gegen Nichreligiöse.
Migranten sind natürlich nicht verantwortlich dafür, dass eine aufnehmende Gesellschaft schon zu zerstitten ist, um noch funktionierende politische Kompromisse zu finden. Aber sich wenn eine große Gruppe von Migrantenkindern und -enkeln immer noch als Bürgerinnen und Bürger eines anderen Landes fühlen und die Regierung dieses anderen Landes als ihre eigentliche Regierung ansehen, dann ist das gefährlich für die Gesellschaft, in der sie leben.
Die größte Gefahr für den Frieden innerhalb einer Gesellschaft und zwischen Gesellschaften geht meines Erachtens von intoleranten religiösen Fanatikern aus, die angeblich göttliche Gesetze über die Gesetze des Staates stellen und ihre Vorstellungen von erlaubtem oder verbotenem Verhalten mit Gewalt allen Menschen aufzwingen wollen. Über Jahrtausende haben katholische Fanatiker die halbe Welt terrorisiert. Und nachdem wir uns von den christlichen Kirchen endlich nicht mehr alles verbieten und vorschreiben lassen, reagieren viele Deutsche allergisch auf Migranten, die uns ihre religiösen Vorstellungen aufzwingen oder gar Ungläubige und Homosexuelle töten wollen. Für einen halbwegs säkularen Staat ist es existenzbedrohend, wenn in ihm durch Migration eine Religionsgemeinschaft zur politischen Kraft wird, die liberale Gesetze durch religiöse ersetzen und Gerichte zur Durchsetzung von Unrecht missbrauchen will. In der Türkei haben Erdogan und seine Anhänger das getan und er hat in Deutschland viele Anhänger, die schon seit Generationen in Deutschland leben, aber keine Deutschen sein wollen und ähnlich wie viele in den letzten Jahrzehnten eingewanderte Muslime nicht bereit sind, die langsame Entwicklung der deutschen Gesellschaft zu Toleranz, Gleichberechtigung und Befreiung von religiöser Tyrannei mitzugehen.

Die genannten Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass Migration für die aufnehmende Gesellschaft sehr gefährlich sein kann, wenn die Einheimischen von den in großer Zahl einwandernden Migranten nicht respektiert werden. Migration kann also ihre biologischen und kulturellen Vorteile nur ausspielen, wenn nicht zu viele Migranten gleichzeitig einwandern und wenn beide Seiten sich gegenseitig respektieren, sodass es zu einer Integration und Durchmischung kommt. In Indien hat das aufgrund des Kastensystems nicht so gut funktioniert, während vor allem die Westeuropäer Vorfahren aus fast allen Teilen der Erde besitzen.
Ein weiteres mit Migration verbundenes Problem können die begrenzten Ressourcen eines Landes sein. Hat beispielsweise das aufnehmende Land nicht genügend Wohnungen, Ärztinnen, Lehrer und Arbeitsplätze für die Zuwanderer, dann fühlen sich die Einheimischen bedroht und die Migranten unfair behandelt.

Besonders gefährlich kann es werden, wenn traumatisierten Geflüchteten nicht psychologisch geholfen werden kann. Man kennt das Problem von aus Kriegen heimkehrende Soldaten, die aufgrund ihrer Traumatisierung zur Gefahr für sich selbst, ihre Angehörigen und Fremde werden können. Auch deshalb ist Migration gefährlich, wenn eine Gesellschaft mehr Migranten aufnimmt, als sie menschenwürdig unterbringen, integrieren und wenn nötig behandeln kann.

Positiv ist Migration dann, wenn kontinuierlich Menschen in andere Länder einwandern, weil sie deren Menschen und ihre Lebensweise gut finden. Denn wenn Migranten und Einheimische Kontakt zu einander suchen, dann bereichern sie sich gegenseitig auch mit ihren kulturellen Eigenheiten. Aber auch dann dürfen es nicht zu viele sein, wie der Unmut vieler Schweizer wegen der zu großen Anzahl deutscher Migranten zeigt, obwohl diese Deutschen qualifiziert sind, die Schweiz und die Schweizer lieben und in der Schweiz als gut verdienende Arbeitnehmer Steuern bezahlen. Ein Problem sind da schon kleine kulturelle Unterschiede wie das aus Schweizer Sicht zu große Selbstbewußtsein und ein als zu dominant empfundenes Auftreten der Deutschen.

Traditionelle Einwanderungsländer wie Kanada unterscheiden strikt zwischen den unterschiedlichen Arten von Migration, kennen deren Vor- und Nachteile und steuern die Migration so, dass sie für das aufnehmende Land vorteilhaft ist. Nicht immer, aber oft ist eine so geregelte Migration auch für die Migranten vorteilhaft. Es gibt auch Länder, deren Regierungen Einwanderer rigoros abschrecken oder inzwischen gelernt haben, positive Aspekte der Migration zu nutzen und negative einzudämmen.

In vielen Ländern werden Migranten als Arbeitssklaven oder als Zwangsprostituierte gnadenlos ausgebeutet. Aber es gibt auch Länder, deren Regierungen unfähig oder unwillig sind, erwünschte Arbeitsmigration zu fördern und gleichzeitig eine Überforderung ihrer Gesellschaften durch unregulierte Migration zu verhindern. Beides darf und muss nicht sein. Wenn Regierungen von den negativen Beispielen misslungener und den positiven Beispielen gelungener Migrationspolitik lernen, kann die Migration zum Vorteil aller Beteiligten sein. Aber dazu bräuchte es Politiker, die mehr können, als sich in ihren Parteien durchzusetzen.